Die Verbindungen führten über bestimmte Gruppen und Lager in Jordanien, im Libanon und in Syrien. Sie entstanden bereits vor den 1970er Jahren, wurden in diesem Jahrzehnt ausgebaut und bestanden bis in die frühen 1980er Jahre fort. Fatah, die Volksfront zur Befreiung Palästinas und die Demokratische Front zur Befreiung Palästinas werden in der historischen Forschung als Anbieter von Ausbildung oder Unterstützung genannt.
Diese Organisationen gehörten der Palästinensischen Befreiungsorganisation an, entwickelten ihre Beziehungen aber über unterschiedliche Wege. Erst die Zuordnung von Gebern, Empfängern und Zeitpunkten macht die Verbindungen verständlich. Sie zeigt auch, wie Gruppen mit verschiedenen politischen Zielen auf eine teilweise gemeinsame regionale Infrastruktur zurückgriffen.
Die ersten Reisen begannen Ende der 1960er Jahre
Der Forscher Ahmet Hamdi Akkaya zeichnet in seiner Studie von 2015 die Reisen türkischer und kurdischer Aktivisten in palästinensische Lager seit 1968 nach. Auf Grundlage von Memoiren und Interviews beschreibt er eine frühe, von Fatah ausgebildete Gruppe sowie weitere Gruppen, die zwischen 1969 und 1971 vor allem nach Jordanien reisten.
Zu den Teilnehmern gehörten Deniz Gezmiş und Hüseyin İnan, spätere führende Mitglieder der Volksbefreiungsarmee der Türkei. Für diese Militanten verband die Reise ideologische Solidarität mit der Vorbereitung auf einen bewaffneten Kampf im eigenen Land. Der Erwerb militärischer Fähigkeiten war ein konkretes Ziel.
Die geografischen Schwerpunkte verschoben sich, als palästinensische bewaffnete Organisationen 1970 und 1971 ihre jordanischen Stützpunkte verloren. Der Libanon gewann an Bedeutung. Nach der Militärintervention in der Türkei 1971 boten palästinensische Netzwerke in Syrien und im Libanon türkischen und kurdischen Militanten auch Zuflucht.
Kurdische Kontakte bestanden schon vor Öcalans größerem Netzwerk
Akkaya unterscheidet frühere kurdische Organisationen von Abdullah Öcalans Arbeiterpartei Kurdistans. Er dokumentiert kurdische Kontakte zur Volksfront zur Befreiung Palästinas im Jahr 1975 sowie Ausbildungsgruppen 1976 und 1977. Spätere Gruppen gingen in Lager der Fatah.
Öcalans Organisation knüpfte ihre palästinensischen Ausbildungskontakte 1979, zunächst zur Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas. Der Studie zufolge befanden sich Ende dieses Jahres etwa 40 bis 50 ihrer Mitglieder im Libanon. Zwischen 1980 und 1982 wurden insgesamt fast 300 ausgebildet.
Diese Abfolge ist entscheidend: Die Beziehung begann in den 1970er Jahren, ihre größere Ausbildungsphase reichte aber ins folgende Jahrzehnt. Nach Akkayas Einschätzung ermöglichten die Lager neben militärischer Ausbildung auch den organisatorischen Wiederaufbau.
Die armenische Verbindung und materielle Hilfe
Der Politikwissenschaftler Michael M. Gunter beschreibt in seiner Studie von 1985 Ausbildungsbeziehungen und logistische Unterstützung zwischen der Volksfront zur Befreiung Palästinas und der Armenischen Geheimarmee zur Befreiung Armeniens. Er verweist außerdem auf Berichte über Hilfe durch weitere palästinensische Gruppen.
Die weitreichende Aussage, Palästinenser hätten Linke, Rechte, kurdische Separatisten und Armenier mit Ausbildung, Waffen und Munition unterstützt, lässt sich auf eine konkrete Quelle zurückführen. Gunter gibt die Schilderung eines namentlich nicht genannten hohen türkischen Offiziers wieder, der Anfang 1982 mit der Journalistin Claire Sterling sprach. Das ist ein zugeschriebener historischer Bericht, kein vollständiges Verzeichnis der Empfänger.
Gunter dokumentiert auch, dass Vertreter der Armenischen Geheimarmee und Farouk Kaddoumi, ein Funktionär der Palästinensischen Befreiungsorganisation, organisatorische Beziehungen oder Unterstützung bestritten. Die Belege betreffen bestimmte Organisationen und Kontakte, nicht die armenische Bevölkerung.
Rechte Militante und Ağcas umstrittene Darstellung
TIME berichtete im Mai 1981 unter Berufung auf westdeutsche Behörden, türkische Rechte hätten Anhänger zur Ausbildung in Lager der Volksfront im Libanon geschickt. Ağcas Fall war davon zu unterscheiden. Der mit den Grauen Wölfen verbundene Mann schoss am 13. Mai 1981 auf Papst Johannes Paul II. Er behauptete, eine palästinensische Ausbildung erhalten zu haben, und lieferte wechselnde Darstellungen, darunter eine Ausbildung in Syrien 1980. Ein Sprecher George Habaschs bestritt gegenüber TIME jede Verbindung. Das Magazin berichtete, es gebe keinen belastbaren Beleg für Ağcas angebliche Reise.
Was die Zahl der Toten in der Türkei aussagt
Sabri Sayaris Studie von 2010 beziffert die Zahl der Todesopfer des politischen Terrorismus in der Türkei zwischen 1976 und 1980 auf mehr als 5.000. Die Zahl umfasst Gewalt verschiedener linker, ultranationalistischer und separatistischer Gruppen. Sie ist keine Zählung der Opfer von Personen, die in palästinensischen Lagern ausgebildet wurden.
Sayari sieht in ausländischer Unterstützung einen Faktor für die Ausbreitung bewaffneter Organisationen. Als Hauptursachen der Eskalation nennt er jedoch innenpolitische und gesellschaftliche Entwicklungen. Ausbildung im Ausland stärkte Fähigkeiten innerhalb eines Konflikts, der zugleich tiefe Wurzeln in der Türkei hatte.
Die Sorge über die Lager erreichte auch Washington. Bei einer Anhörung im US-Senat am 25. Juni 1981 schilderte der Wissenschaftler und frühere türkische Abgeordnete Aydın Yalçın Berichte über die Ausbildung türkischer Militanter durch palästinensische Organisationen. Seine Aussage dokumentiert damalige Befürchtungen, ist aber keine gerichtliche Feststellung zu jeder Behauptung.
Es ergibt sich das Bild sich überschneidender militanter Netzwerke: Ausbildung, Zuflucht und berichtete Lieferungen überwanden Grenzen, während die Organisationen eigene Ziele verfolgten. Diese dokumentierten Beziehungen sind für sich genommen untersuchenswert. Dafür muss Ağcas umstrittene Geschichte nicht zum Beweis für die Auftraggeber des Papstattentats erklärt werden.