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Sicherheit & Verteidigung

Warnte Ägyptens Geheimdienstchef Israel vor dem 7. Oktober? Was die Belege zeigen und was umstritten bleibt

The Atlantic berichtet, Abbas Kamel sei elf Tage vor dem von der Hamas angeführten Angriff heimlich nach Israel gereist und habe davor gewarnt, dass sich die Hamas offenbar auf eine größere Eskalation vorbereite. Flugdaten stützen die Anwesenheit eines mit Ägypten in Verbindung gebrachten Flugzeugs am Flughafen Ben Gurion, beweisen aber öffentlich nicht, wer an Bord war, wen der Besucher traf oder was genau übermittelt wurde. Israel bestreitet zentrale Teile der Darstellung.

Illustration eines Flughafenvorfelds in der Abenddämmerung mit Kontrollturm, einem ungekennzeichneten Geschäftsflugzeug und einem Flugprotokoll-Dokument
The Atlantic berichtet, Abbas Kamel sei vor dem 7. Oktober heimlich nach Israel gereist. Israelische Amtsträger bestreiten die Darstellung.

Eine neue Recherche von The Atlantic rückt eine der umstrittensten Fragen zur Zeit vor dem 7. Oktober 2023 erneut in den Mittelpunkt: Hat Ägypten Israel ernsthaft davor gewarnt, dass die Hamas einen größeren Angriff vorbereitete?

Der Bericht von Vivian Salama wurde am 25. September 2026 veröffentlicht. Darin heißt es, Abbas Kamel, damals Chef des ägyptischen General Intelligence Service, sei am 26. September 2023 heimlich nach Israel geflogen. Laut The Atlantic landete eine gecharterte Cessna mit Verbindungen zum ägyptischen Geheimdienst am Flughafen Ben Gurion, blieb 67 Minuten in Israel und kehrte anschließend nach Kairo zurück.

The Atlantic berichtet, Kamel sei an Bord gewesen und habe sich mit nicht namentlich genannten hochrangigen israelischen Vertretern getroffen. Beamte aus mehreren Ländern, die später über den angeblichen Besuch informiert worden seien, hätten gesagt, Kamel habe davor gewarnt, dass sich die Hamas offenbar für einen größeren Angriff mobilisiere und das Zeitfenster zur Verhinderung einer schweren Eskalation kleiner werde. Berichten zufolge empfahl er außerdem weitere wirtschaftliche Erleichterungen für Gaza, um einen Konflikt abzuwenden.

Mehrere zentrale Teile dieser Darstellung sind öffentlich jedoch nicht belegt.

Was die Flugdaten tatsächlich belegen

Das stärkste dokumentarische Element betrifft das Flugzeug selbst. The Atlantic zufolge bestätigen ein Flugprotokoll der israelischen Flughafenbehörde und unabhängige Tracking-Daten, dass am 26. September eine Cessna von Kairo nach Ben Gurion flog und dort ungefähr eine Stunde am Boden blieb.

Das stützt die Existenz des Fluges. Es beweist für sich genommen nicht, dass Abbas Kamel Passagier war.

Öffentlich vorgelegt wurden weder eine Passagierliste noch Sicherheitsaufnahmen, ein offizieller Einreisenachweis, ein Foto Kamels am Flughafen oder die Aussage eines namentlich bekannten Augenzeugen. The Atlantic stützt Kamels Anwesenheit auf anonyme Quellen. Auch die israelischen Amtsträger, die ihn angeblich trafen, werden nicht identifiziert.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Vier getrennte Behauptungen werden häufig wie eine einzige Tatsache behandelt: Ein mit Ägypten verbundenes Flugzeug landete in Israel, Kamel war an Bord, Kamel traf israelische Vertreter, und Kamel übermittelte eine Warnung über die Hamas. Die öffentlich verfügbaren Belege stützen diese vier Punkte nicht mit derselben Sicherheit.

Was die angebliche Warnung enthielt und was nicht

Selbst nach der Darstellung von The Atlantic handelte es sich nicht um eine detaillierte Warnung vor dem Angriff, der am 7. Oktober tatsächlich stattfand.

Der Bericht sagt, Kamel habe weder ein Angriffsdatum noch ein bestimmtes Ziel oder operative Details über die Vorgehensweise der Hamas genannt. Öffentlich dokumentiert ist keine konkrete Warnung vor einem massenhaften Grenzdurchbruch, Geiselnahmen, Angriffen auf bestimmte Ortschaften oder Militärbasen oder den Methoden, die später tatsächlich eingesetzt wurden.

Präziser ist es daher, von einer berichteten strategischen Warnung zu sprechen, wonach sich die Hamas möglicherweise auf einen größeren Angriff vorbereitete oder Gaza auf eine gefährliche Eskalation zusteuerte. Das ist nicht dasselbe wie der Nachweis, dass Ägypten Israel detaillierte operative Informationen über den Angriff vom 7. Oktober übergab.

Israel bestreitet Besuch und Warnung

Tzachi Hanegbi, der damals Israels Nationalen Sicherheitsrat leitete, sagte The Atlantic, nach seinem besten Wissen habe Kamel Israel am 26. September nicht besucht und eine ägyptische Warnung der beschriebenen Art habe es nicht gegeben.

Der Streit ist nicht neu. Am 9. Oktober 2023 veröffentlichte das Büro des Premierministers nach ersten Berichten über eine ägyptische Warnung ein kategorisches Dementi. Es erklärte, Premierminister Benjamin Netanyahu habe keine Vorabnachricht aus Ägypten erhalten und seit der Regierungsbildung weder mit Kamel gesprochen noch ihn getroffen.

Ende 2025 berichtete Israel Hayom separat, ein mit Ägypten verbundenes Flugzeug sei am 26. September in Ben Gurion gelandet und ägyptische Botschaften über eine "explosive" Lage in Gaza seien an israelische Stellen gelangt. Das israelische Außenministerium und der Nationale Sicherheitsrat bestritten die zentralen Aussagen dieses Berichts.

Auch die ägyptischen Darstellungen widersprechen sich

Am 9. Oktober 2023 zitierte Associated Press einen anonymen ägyptischen Geheimdienstvertreter mit der Aussage, Kairo habe Israel wiederholt gewarnt, dass aus Gaza "etwas Großes" geplant werde. Zwei Tage später zitierten ägyptische Medien einen anderen anonymen hochrangigen Vertreter, der bestritt, dass Ägypten Israel zehn Tage vor dem Krieg vor einer größeren Operation gewarnt habe.

Im Dezember 2023 sagte der damalige ägyptische Außenminister Sameh Shoukry, er habe keine konkreten Informationen zu einem solchen Vorfall. Zugleich betonte er, Ägypten habe allgemein immer wieder davor gewarnt, dass sich verschlechternde Bedingungen zu Gewalt führen könnten.

Bis zum 26. September 2026 wurde keine öffentliche Erklärung von Kamel selbst, vom ägyptischen General Intelligence Service oder von Präsident Abdel Fattah al-Sisi gefunden, die mit Dokumenten klärt, ob der Besuch am 26. September tatsächlich stattgefunden hat.

Was offizielle Untersuchungen festgestellt haben

Veröffentlichte israelische Untersuchungen haben schwere Geheimdienst- und Verteidigungsversäumnisse vor dem 7. Oktober dokumentiert, darunter Signale, die falsch eingeschätzt oder nicht ausreichend gewichtet wurden. Sie haben jedoch öffentlich nicht festgestellt, dass Kamel am 26. September in Ben Gurion war oder dass eine konkrete ägyptische Warnung vor dem späteren Angriff die israelische Führung erreichte.

Es wurden keine Passagierliste, kein Sitzungsprotokoll, kein Geheimdienstkabel und kein zeitnahes Briefing-Dokument veröffentlicht, das den Streit entscheidet.

Der Wahlkontext

Die Recherche erschien während des israelischen Wahlkampfs. Die Wahl zur 26. Knesset ist für den 27. Oktober 2026 angesetzt. Die Verantwortung für die Versäumnisse vor dem 7. Oktober ist zu einem zentralen politischen Thema geworden, und sowohl Regierungs- als auch Oppositionspolitiker greifen neue Berichte über frühere Warnungen im Wahlkampf auf.

Der Likud hat die jüngsten Berichte zurückgewiesen und Journalisten politische Motive vorgeworfen. Oppositionspolitiker verweisen ihrerseits auf Berichte über frühere Warnungen, wenn sie über die Verantwortung für den 7. Oktober sprechen.

Diese politischen Reaktionen sind dokumentiert. Nicht belegt ist dagegen die Behauptung, The Atlantic habe das Veröffentlichungsdatum gezielt gewählt, um die Wahl zu beeinflussen. Öffentliche Belege für ein solches Motiv gibt es derzeit nicht.

Was sich mit Sicherheit sagen lässt

Die vorhandenen Belege tragen eine engere Schlussfolgerung als manche Schlagzeilen.

Flug- und Flughafenaufzeichnungen stützen einen Flug von Kairo nach Ben Gurion am 26. September 2023. Dass Abbas Kamel an Bord war, berichtet The Atlantic, öffentlich unabhängig bestätigt ist dies nicht und Hanegbi bestreitet es. Auch das angebliche Treffen mit israelischen Vertretern ist öffentlich nicht unabhängig dokumentiert. Die behauptete Warnung vor der Hamas stützt sich auf anonyme Quellen und enthielt laut Bericht selbst weder ein Datum noch operative Einzelheiten zum Angriff vom 7. Oktober.

Damit bleibt eine wichtige Frage offen. Die öffentlich verfügbaren Belege zeigen nicht, dass Israel operative Geheimdienstinformationen erhielt, die den Angriff vom 7. Oktober beschrieben. Sie zeigen aber auch nicht, dass die gesamte Darstellung von The Atlantic falsch ist.

Quellen

  • The Atlantic, "Egypt's Warning to Israel", 25. September 2026: https://www.theatlantic.com/national-security/2026/09/egypt-israel-gaza-hamas-palestinian-october-7/688720/
  • Associated Press, 9. Oktober 2023: https://apnews.com/article/israel-palestinians-gaza-hamas-airstrikes-hostages-4377e096f62bf535bebcdff38cf16049
  • Israel Hayom, 29. Dezember 2025: https://www.israelhayom.com/2025/12/29/egypt-warned-israel-of-imminent-danger-from-gaza-weeks-before-oct-7/
  • Ynet, 26. September 2026: https://www.ynet.co.il/news/article/ryucfd49mx
  • Offizielle Wahlinformationen: https://www.gov.il/apps/moin/bocharim/en

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